URL dieser Seite: https://nordost.igbce.de/-/MK2

31.05.2017

Von: Sarah Warsitz

Chemie Ost

Zeit für neue Wege

90 Minuten weniger arbeiten und ein neuer Vollzeitkorridor: Die Arbeitszeit in der ostdeutschen Chemie-Industrie ist neu geregelt. Das Modell ist zukunftsweisend.

IG BCE

 IG-BCE-Verhandlungsführer und Arbeitgeber-Verhandlungsführer Oliver Heinrich (Nordost), Volker Weber (Hessen-Thüringen), IG-BCE-Verhandlungsführer Peter Hausmann, Arbeitgeber-Verhandlungsführer Thomas Naujoks, Karl Heinz Tebel (Nordostchemie).

Mit den Kindern spielen, sich um die Eltern kümmern, Freunde treffen, Sport treiben oder einfach mal die Füße hochlegen: Es gibt vieles, das Beschäftigte mit ein bisschen mehr Freizeit und neuen Arbeitszeitmodellen machen können. In der chemischen Industrie im Osten Deutschlands hat die IG BCE nun die Möglichkeiten dafür geschaffen. 90 Minuten weniger Arbeitszeit und ein neues Arbeitszeitmodell – das war die Forderung der Gewerkschaft in den Manteltarifverhandlungen für die 30 500 Beschäftigten der ostdeutschen Chemie-Industrie, die im November 2016  gestartet sind.

Funf Verhandlungen lang haben die Tarifkommission und die Beschäftigten in den Betrieben immer mehr den Druck auf die Arbeitgeber erhöht, bis es endlich Mitte Mai zum Anschluss kam. Und der kann sich sehen lassen. "Wir haben 90 Minuten gefordert und wir haben 90 Minuten erreicht", bringt es Peter Hausmann, Verhandlungsführer und Tarifvorstand der IG BCE, auf den Punkt. Gleichzeitig haben sich Gewerkschaft und Arbeitgeberverband auf ein bundesweit einmaliges modernes Arbeitszeitmodell geeinigt.

Das sogenannte Potsdamer Modell basiert auf zwei Säulen. In einem neuen kollektiven Vollzeitkorridor legen die Betriebsparteien die wöchentliche betriebliche Arbeitszeit zwischen 32 bis maximal 40 Stunden fest. Diese Arbeitszeit muss dabei nicht für den gesamten Betrieb gelten, sondern kann für einzelne Betriebsteile und auch Arbeitnehmergruppen wie beispielsweise Schichtarbeitnehmer unterschiedlich ausfallen. Finden die Betriebsparteien keine Einigung, kommt ein Stufenmodell zur Reduzierung der Arbeitszeit um 90 Minuten bei vollem Entgeltausgleich zum Einsatz. Demnach wird ab Januar 2019 die Arbeitszeit um eine halbe Stunde reduziert, weitere Schritte zur Reduzierung um jeweils 30 Minuten erfolgen jeweils am Anfang der Jahre 2021 und 2023.

Neben den kollektiven Regelungen wird als zweite Säule die Möglichkeit eines individuellen Korridors eingeführt. Die Betriebsparteien entscheiden über die Einführung einer individuellen Wahlarbeitszeit, die genauen Verfahrensregeln werden in Betriebsvereinbarungen definiert. Wie sehr sich viele Arbeitnehmer andere Arbeitszeiten wünschen, zeigt beispielsweise eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Rund 40 Prozent der Befragten wollen weniger arbeiten. Umgekehrt wünschten sich rund 12 Prozent, ihre Arbeitszeit auszuweiten. Allerdings ist es für viele Beschäftigte schwierig, sich den Wunsch nach anderen Arbeitszeiten zu erfüllen: Laut Studie ist es nicht einmal der Hälfte derjenigen, die 2011 weniger arbeiten wollten, gelungen, das innerhalb von drei Jahren auch umzusetzen. Ähnlich ist es denen ergangen, die ihre Arbeitszeit hochfahren wollten.

»Mit dem Potsdamer Modell haben wir einen zukunftsweisenden Abschluss«, sagt Peter Hausmann. »Der kollektive Vollzeitkorridor bildet den Rahmen für mehr Arbeitszeitvielfalt. Und die Beschäftigten können ihre Arbeitszeit künftig an individuelle Bedürfnisse und unterschiedliche Lebensphasen anpassen.« Wie sich die neuen Möglichkeiten in der Praxis umsetzen lassen, werden IG BCE und Arbeitgeber in den kommenden Monaten diskutieren. »Wichtig ist, dass wir auch kleinere Betriebe mitnehmen«, sagt Oliver Heinrich, Leiter des IG-BCE-Landesbezirks Nordost. «Wir werden deshalb eine Qualifizierungsoffensive starten und gemeinsam mit den Arbeitgebern auf Sozialpartnerveranstaltungen die erfolgreiche Einführung der neuen Arbeitszeitinstrumente unterstützen.«