Interview mit dem neuen Landesbezirksleiter Oliver Heinrich

Ich möchte generationenübergreifend wirken

Oliver Heinrich ist seit dem 1. Juli Landesbezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie in Nordost. Mit 38 Jahren ist er innerhalb der IG BCE der jüngste Vertreter in diesem Amt. Im Interview mit IG-BCE-online erläutert er, welche Themen ihm künftig besonders am Herzen liegen und stellt sich den Mitgliedern in Nordost vor. Eine Kurzfassung des Interviews mit Oliver Heinrich ist in der September-Ausgabe der Mitgliederzeitung kompakt erschienen.

Katrin Schade

Oliver Heinrich

Du kennst die Regionen in Nordost gut, hast bei der BASF Schwarzheide Deine Ausbildung absolviert und zuletzt den Bezirk Berlin-Mark Brandenburg geleitet. Worin liegen Schwerpunkte deiner künftigen gewerkschaftspolitischen Arbeit?

Zunächst einmal möchte ich mich bei den Kolleginnen und Kollegen bedanken, die mir Ihr Vertrauen geschenkt und mich zum neuen Landesbezirksleiter gewählt haben. Mein Amtsantritt am 1. Juli fiel auf den Tag genau mit dem Koalitionsbeschluss der Bundesregierung zur Energiepolitik zusammen. Die Gestaltung des Energiemarktes und die Zukunft unserer großen Energieregionen in Nordost werden weiter eine übergeordnete Rolle spielen. Ich bin in der Lausitz aufgewachsen, habe den massiven Personalabbau nach der Wende erlebt. Mein Heimatort Lauchhammer hat sich im Grunde bis heute nicht davon erholt. Natürlich fließen solche Erfahrungen in meine künftige Arbeit mit ein. Es geht in den nächsten Jahren darum, wie wir insbesondere die Lausitz und Mitteldeutschland als Industrieregionen für die kommenden Jahrzehnte und darüber hinaus weiter entwickeln und neue Arbeitsplätze schaffen können.

Industriepolitisch bewegt mich die Frage der weiteren Tarifangleichung, zum Beispiel in der chemischen Industrie. Auch in anderen Branchen möchte ich in diesem Punkt Schritte nach vorn gehen. Ich nenne als Beispiele Papier, Kunststoff, feinkeramische Industrie. Es muss zudem darum gehen, wie wir den Anteil der Betriebe mit Betriebsratsstrukturen und Tarifbindung erhöhen können, der in Ostdeutschland immer noch viel zu gering ist. Wir müssen viel mehr Betriebe gewerkschaftlich organisieren. Tarifbindung lohnt sich auch für die Unternehmen: Tarifverträge erhöhen die Arbeitszufriedenheit, die Produktivität– das zeigen sämtliche Gutachten.

Siehst Du eine besondere Verantwortung darin, dass Du mit 38 Jahren der jüngste Vertreter in diesem Amt innerhalb der IG BCE bist?

Ich sehe als meine Aufgabe an, generationenübergreifend zu wirken. Unsere Forderungen wie die nach der Schaffung altersgerechter Arbeitsplätze wirken sich schließlich auch auf die Perspektiven der jungen Menschen aus, erhöhen deren Übernahmechancen. Wir haben in Nordost manche Regionen, die bereits jetzt überaltert sind, in denen praktisch eine Entvölkerung stattfindet. Wir werden in den nächsten Jahren Antworten finden müssen auf den demografischen Wandel – in den Betrieben, aber auch in den Regionen. Damit hängen Fragen wie die nach der Infrastruktur, der medizinischen Versorgung und mehr zusammen. In diesem Zusammenhang geht es auch darum, wie wir künftig die Flüchtlinge besser in unsere Regionen integrieren können. Ich kann zwar die Ängste vieler Menschen, auch unserer Mitglieder verstehen. Wir müssen uns aber entschieden gegen jeden Rechtsradikalismus stellen, der mancherorts erschreckend deutlich aufflammt.

Die IG BCE feiert aktuell ihr 125. Jubiläum und sagt: Hol Dir Dein Stück vom Kuchen! Warum?

Wir wollen das, was unsere Mitglieder mit einer starken Gewerkschaft in den vergangenen 125 Jahren erreicht haben, zurück in die Köpfe bringen. Mit unserem Slogan und dem Angebot von Kuchen und Kaffee wollen wir mit den Beschäftigten ins Gespräch kommen. Wir sagen damit aber auch: Die Kolleginnen und Kollegen haben es in der Hand, für ihren Anteil gemeinsam zu kämpfen. Unsere Arbeitswelt ist gerade dabei, sich ähnlich rasant zu verändern wie zu Beginn der Industrialisierung. Wir wollen diesen Wandel mit gestalten. Themen wie Arbeitsverdichtung, psychische Belastungen, sicher auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden immer wichtiger. Als junger Familienvater mit drei Kindern erlebe ich auch persönlich ständig diese Herausforderung.

Was möchtest Du den Mitgliedern in Nordost von Deiner Seite aus für die kommenden Jahre ans Herz legen?

Gewerkschaftsmitgliedschaft soll attraktiv sein. Gemeinsam mit allen Mitgliedern, in Zusammenarbeit mit den Bezirken und mit meinem Team im Landesbezirk möchte ich zeigen, dass wir für alle Beschäftigtengruppen da sind – von der Produktion bis zu AT-Angestellten. Letztlich geht es darum, dass wir in den Betrieben weiter wachsen und gesellschaftspolitisch stark sind. Dafür brauchen wir die Beschäftigten und viele Mitglieder. Dafür möchte ich werben, dass wir alle gemeinsam hier eine besondere Verantwortung haben.

Oliver Heinrich wurde am 30. Juni vom Landesbezirksvorstand einstimmig als Landesbezirksleiter Nordost und damit Nachfolger von Petra Reinbold-Knape gewählt, die in den geschäftsführenden Hauptvorstand der IG BCE wechselte. Zuvor hat er vier Jahre lang den Bezirk Berlin-Mark Brandenburg geleitet.

 

Interview: Susanne Schneider-Kettelför

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