Zeitzeugen Mauerfall

„… und dann waren die Frauen weg!“

Erst spät am Abend des 9. November 1989 hattte Ute Lotz, Betriebsrätin bei Fels-Werke Rübeland erfahren, dass die Grenze offen war. Sie lag krankgeschrieben zu Hause. Als ihr Mann kam, brachte er die Nachricht mit. "Wir haben uns dann sofort vor den Fernseher gesetzt. Es ist ganz schwer zu beschreiben, was wir gefühlt haben. Bestürzung, Freude - alles auf einmal stürmte auf einen ein. Wir konnten es im ersten Moment nicht glauben, sahen dann aber die Bilder – es musste also doch wahr sein", erzählt Ute Lotz.

Susanne Kettelför

Ute Lotz
05.11.2014
  • Von: Susanne Schneider-Kettelför

Abenteuerreisen in den Westen

"Wir haben in Elberingerode im Ostharz gewohnt, im grenznahen Raum. Der 9. November war ein Donnerstag, am Samstag sind wir dann über die Grenze gefahren. Hinter Wernigerode war ein kleiner Grenzübergang, wir hatten gehört, dass der schon aufgemacht worden war. Es gab da eine Riesenschlange. Auch hinter der Grenze in Bad Harzburg war vollkommenes Chaos mit Autos und Fußgängern. Es gab hier im Harz eine richtige Völkerwanderung, zum Teil über Fußwege durch den Wald. Die Leute haben selbst mit angepackt, haben Panzersperren weggeräumt. Normalerweise wurden ja in den Kalk- und Zementwerken viele Sonderschichten gefahren, auch am Wochenende. Am ersten Wochenende nach dem 9. November 1989 war aber niemand bereit, eine Sonderschicht zu machen.

Das Wochenende darauf haben wir uns wieder aufgemacht. Auf der Westseite angekommen, sind wir ein großes Abenteuer mit unseren zwei kleinen Kindern und dem Trabant eingegangen. Denn mein Mann sagte: „Weißt Du was, jetzt sind wir hier schon im Westen, jetzt fahren wir mal nach Trier.“ Dort hatte er Verwandte. Wir sind dann mit unserer groben Karte los und auf der Autobahn mit Tankfüllung und Kanister bis Koblenz gekommen. Dann mussten wir tanken. Junge Leute um die 20, die noch nie vorher einen Trabi gesehen hatten, haben uns geholfen: „Dort an der Rasenmäher-Tankstelle könnt ihr den Trabi auftanken.“ Je weiter wir ins Land rein kamen, desto weniger überfüllt war es. Wir kamen dann spät abends in Trier an und mussten am Sonntagmittag wieder zurück, denn am Montag ging ja die Arbeit wieder los. Zuvor hat der neunjährige Sohn unserer Verwandten am Sonntagmorgen in Trier aber noch das Taschengeld seines Lebens gemacht, denn alle Kinder, die sich den Trabi genauer anschauen wollten, mussten 20 Pfennig bezahlten.

Die Ereignisse an der Grenze überschlugen sich. Wir konnten in den nächsten Tagen und Wochen verfolgen, wie ein Übergang nach dem anderen aufgemacht wurde. Plötzlich war der Brocken frei, zuvor in russischer Hand und militärisches Sperrgebiet. Der Mann einer meiner Kolleginnen war Grenzposten. Die wussten von heute auf morgen nicht mehr, was sie eigentlich tun sollten. Es gab keine Kommandos. Sollten sie überhaupt noch was bewachen? Es gab ja nichts mehr zu bewachen. Im Betrieb wurde viel diskutiert, aber die Arbeit lief erstmal weiter.

Euphorie und zurückkehrender Alltag

Silvester 1989 wurde die Grenze von der anderen Seite geöffnet. Zuvor durften die aus dem Westen ja nicht einfach in den Osten kommen. Wir haben uns dann revanchiert, haben vor den Häusern Campingtische aufgestellt und die Besucher mit Glühwein und Kaffee begrüßt.

Ich möchte das alles nicht missen, diese ganze Euphorie, die wir so hautnah erlebt haben. Die kann einem keiner geben. Mein jetziger Mann stammt aus Hessen und hat das alles mehr am Rande erlebt, nicht hautnah. Der ist immer neidisch, wenn ich davon erzähle. Ich werde nie vergessen, wie wir im Schritttempo über die Grenze gefahren sind. Wir sollten immer das Fenster runter kurbeln, jeder wollte was loswerden. Wildfremde Menschen umarmten sich, es war pure Freude. Die hielt auf jeden Fall in den ersten Wochen an, so oft wir über die Grenze fuhren. Aber irgendwann nach Silvester ließ das dann auf der anderen Seite merklich nach. Für uns war der erste Ort hinter der Grenze Braunlage, da strömten die Menschen hin - und dann waren sie auf einmal nicht mehr so begeistert. Der Ort war immer voll, die Trabis knatterten da durch. Das hat Dreck gemacht und gestunken. Das kannten die nicht und da kam ein kleiner Knick rein. Der zog sich dann durch das Jahr 1990.

Angst um die Arbeitsplätze

Auch bei uns kehrten nach den ersten Wochen und Monaten Ungewissheit, Sorgen und Ängste ein. Wie ging es weiter? Vieles war ungeordnet. Ich war nie in der Partei, aber der Betrieb war vorher bei Parteiversammlungen ziemlich leer gefegt, nur einzelne nahmen nicht teil – und auf einmal war es dort leer. Ich war Sachbearbeiterin in der Ökonomie, das ist wie das heutige Betriebsbüro. Da waren wir zum Großteil mit dem Schriftverkehr zum sozialistischen Wettbewerb beschäftigt. Das fiel ja auch auf einmal völlig flach. Niemand hatte mehr daran Interesse. Als es mit der Treuhand losging und mit den Verkäufen, da wurde uns schnell klar, dass wir das Arbeiten so wie bisher nicht fortführen würden.

Angst um den Standort hatten wir keine, denn bei uns im Harzkreis gibt es sehr reichhaltige Kalkvorkommen, die reichen noch 200 Jahre. Und Kalk muss vor Ort verarbeitet werden, er verliert sonst Volumen. Schon sehr früh waren die ersten Interessenten da, darunter auch die Fels-Werke mit Sitz in Goslar. Der Standort war begehrt. Schnell war der Gedanke da: So viele Arbeitnehmer wie bisher brauchen wir ja lange nicht. Es gab viel Unruhe in der Belegschaft.

„… und dann waren die Frauen weg!“

Mit der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 galt plötzlich das westdeutsche Nachtschichtverbot für Arbeiterinnen auch im Osten. Bei uns waren viele Frauen in Schichtarbeit in der Produktion beschäftigt. Wir hatten dort viele ältere Kolleginnen - und dann waren die Frauen weg! Die alte Werksleitung mit den Interessenten im Hintergrund nutzte diese Regelung als Vorwand, um Arbeitsplätze abzubauen. Ich habe es selbst in der Familie erlebt, meine Mutter arbeitete als Kranfahrerin im Werk Rübeland im Vollkonti-System. Sie hat keine oder nur eine winzig kleine Abfindung bekommen. Es war ja damals alles noch ungeregelt. Noch heute ist sie voller Zorn, wenn wir darüber sprechen. Die kurzeitige Gesetzeslage hat viele ältere Kolleginnen getroffen, die seit 30, 35 Jahren in Schicht arbeiteten, aber noch nicht im Rentenalter waren. Viele von ihnen sind auf der Strecke geblieben, haben keinen neuen Job mehr gefunden. Es gab viel Verbitterung.

Als die Fels-Werke Ende 1991 den Zuschlag für den Kauf der Harz Kalk GmbH bekamen, wie wir nach der Wende hießen, hatten die neuen Eigentümer eine grandiose Idee, um weitere Arbeitsplätze abzubauen: Sie führten die sogenannte Ehepartnerregelung ein. Nur einer von beiden im Betrieb beschäftigten Ehepartnern konnte bleiben. Wir waren der größte Arbeitgeber in der Region, sind es heute noch, häufig waren beide Partner in dem Betrieb beschäftigt. Durch die Ehepartnerregelung konnte nur einer bleiben, der andere musste gehen. Das waren meistens die Frauen. Die Entscheidung war den Ehepartnern überlassen, doch es waren unsichere Zeiten und dann haben die meisten Familien überlegt, dass erst der Mann den Arbeitsplatz behalten soll.

Viele Frauen, die durch die Ehepartnerregelung gehen mussten, fanden in den Märkten und Einkaufszentren, die nach und nach entstanden, neue Arbeit. Manche schulten auch um oder arbeiteten anschließend im Westen. Die Grenze war ja nicht weit. Wir haben hier keine große Arbeitslosigkeit im Altkreis Wernigerode, die haben schon alle wieder was gefunden. Aber hier im Produktionsbetrieb sind zu meinem großen Leidwesen nicht mehr viele Frauen in Beschäftigung gekommen. Von 1.700 Arbeitnehmern vor der Wende ging es insgesamt auf 400 runter. Nur rund 25 von ihnen sind Frauen. Ich selbst bin im Betrieb geblieben, musste aber flexibel sein und habe dann was ganz anderes gemacht und im Versand angefangen.

Rasante Lohnentwicklung in den Fels-Werken Ost

Nach dem Verkauf an die Fels-Werke hat die IG Chemie Papier Keramik, zu der wir gehörten, Tarifverhandlungen geführt. Wir haben dann schnell große Lohnsprünge gemacht. 1995 hat die Gewerkschaft einen super Flächentarifvertrag für Kalk-Dolomit in Sachsen-Anhalt vereinbart, mit einer schrittweisen Erhöhung innerhalb von vier oder fünf Jahren auf 100 Prozent vom Westlohn. Die Tarife im Handel, wo viele der früheren Kolleginnen untergekommen sind, waren wahrscheinlich nicht so gut.

In den Betrieben bei uns hat sich viel verändert. Alle Standorte sind geblieben, aber von 1700 Mitarbeitern runter auf 400, das hieß auch: Wenn man früher von oben in einen Tagebau geschaut hat, dann war der wie ein kleiner Ameisenhaufen mit ganz viel Bewegung überall - heute muss man sehr genau hinschauen, um Mitarbeiter zu entdecken. Durch die Technik wurde es möglich, das Abbauvolumen zu verdoppeln mit nicht mal mehr einem Viertel der Leute.

Vieles wurde erneuert. Das Werk Kalte Tal wurde völlig umgebaut und war dann Mitte der 90er Jahre das modernste Kalkwerk Europas. Die Fels-Werke haben viel investiert und modernisiert. Heute sind wir einer der größten Kalkanbieter Europas, durch die Modernisierungen in den vergangenen Jahren findet die Hauptproduktion innerhalb der Fels-Werke hier im Osten statt. Alle drei Werke und zwei Tagebaue arbeiten weiter. Das kleine Werk Homburg wird allerdings nur noch mit 20 Mitarbeitern gefahren.

Soziale Einrichtungen brachen nach der Wende weg. Wir hatten früher eine Kantine und einen Betriebskindergarten, die ersatzlos gestrichen wurden. Auch der kostenlose Schichtbus fiel weg. Da sich nach der Wende jeder ein Auto kaufte, bemerkte das zunächst kaum jemand. Erst später kam die Erkenntnis, dass der Schichtbus gut war. Die Kantine ist auch heute noch der Punkt, der wirklich fehlt. Über Betriebsvereinbarungen haben wir dafür gesorgt, dass wenigstens überall Getränkeautomaten verfügbar sind, haben auch wieder Arbeitsschutzgetränke, Wasser und isotonische Getränke eingeführt. Unser Altersdurchschnitt ist sehr hoch, deshalb ist ein Betriebskindergarten nicht so Thema. Und dann gibt es, wie gesagt, nur wenige Frauen bei uns in der Produktion und insgesamt an den Standorten.

Frauen in den Betriebsrat!

Die Frauenfrage war übrigens der Punkt, weshalb ich 1998 zum Betriebsrat gekommen bin. Denn damals hieß es politisch wieder, dass Frauen zurück an den Herd sollten. Die Arbeitslosigkeit war hoch. Ich hatte schon im Frauenausschuss des Bezirks Halle-Magdeburg mitgearbeitet und sollte einen Artikel für unsere Frauenzeitschrift zum 8. März schreiben. Darin habe ich den Frauen Mut gemacht, weiter im Beruf zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Sie sollten für ihre Rechte eintreten und sich als Kandidatinnen für die Betriebsratswahlen aufstellen lassen. Und dann habe ich mich auch in die Kandidatenliste eingeschrieben!"

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