Zeitzeugen Mauerfall

„Plötzlich mussten wir die Wende gestalten“

Am 9. November 1989 war Matthias Größig, Gesamtbetriebsratsvorsitzender des Papierunternehmen Schoeller Technocell am Standort Felix Schoeller Weißenborn, auf der Arbeit in der E-Werkstatt. "Ich hatte Elektriker gelernt und kurz vor dem Mauerfall den Meister gemacht. Im Beruf sollte es eigentlich auch weitergehen, doch dann entwickelte sich alles anders. Plötzlich mussten wir die Wende gestalten!"

Mandy Rüger/Photo Personelle

Matthias Größig
05.11.2014
  • Von: Susanne Schneider-Kettelför

"Die berühmte Pressekonferenz mit Günter Schabowski habe ich zeitversetzt gesehen – oder habe ich zuerst im Radio davon erfahren? Gleich am Abend gingen die Diskussionen los, ob das alles wahr sein kann. Wir waren in Weißenborn mitten in Sachsen auf dem Dorf und die nächstgelegene Grenze nach Bayern war schon ein Stück entfernt. Wir konnten also nicht gleich mal schnell losfahren, schmiedeten aber trotzdem die ersten Reisepläne.

Die ganzen Veränderungen hatten wir natürlich schon zuvor intensiv verfolgt. Ich bin Formel-1-Fan, mit Freunden fuhren wir jedes Jahr zum Großen Preis von Ungarn und waren genau zur heißen Phase im August 1989 dort. Jeder auf dem Campingplatz fragte sich damals: Was machst Du - fährst Du nach Hause oder bleibst Du hier? Keiner ist an dieser Frage vorbei gekommen. Wir hatten die Sorge, nie wieder nach Ungarn reisen zu können, wenn wir zurückgehen. Denn die DDR hätte die Grenzen komplett dicht machen können, wie es 1968 nach dem Prager Frühling in der Tschechoslowakei passiert ist. Doch meine Heimatverbundenheit, Eltern, meine Freunde – ich konnte nicht einfach so mit allem brechen. Am Ende sind wir alle zurück gefahren.

Danach habe ich mich in Weißenborn noch intensiver schlau gemacht, was in der DDR passierte. Mit Freunden bin ich zu den Montagsdemonstrationen nach Leipzig gefahren, das war absolut bewegend. Wir sind dort angekommen, haben erstmal nichts bemerkt, und auf einmal sind wie auf ein Signal hin aus allen Richtungen Menschen in Richtung der Nicolaikirche gelaufen. Innerhalb von Minuten waren um uns herum unglaubliche Menschenmengen, die alle in eine Richtung liefen. Sprechchöre fingen an, wie perfekt organisiert - ohne dass es organisiert war.

Wir wollten demokratisch mitbestimmen

Im Betrieb kamen die Diskussionen nach dem 9. November schnell an. Ich gehörte mit zu einer Gruppe, welche die Veränderungen herbeiführen wollte. Wir waren sechs bis acht Leute, auch mein Bruder Steffen war dabei. Gemeinsam führten wir zwei damals in unserer Doppelgarage stundenlange Diskussionen. Mein Bruder ist auch heute noch im Betriebsrat. Es gab die allgemeinen Forderungen nach Öffnung der Grenzen und Reisemöglichkeiten, nach freien Wahlen und vor allem auch der Trennung von Partei und Betrieb. Das war so ein erstes Thema für mich. Der Parteisekretär war in der DDR ein wichtiger Funktionär im Betrieb. Wenn Du Karriere machen wolltest, dann war die Parteizugehörigkeit gefragt. Die Meisterschule konnte ich noch so machen, aber um dann wirklich voran zu kommen, sollte ich in die Partei eintreten. Ich war der Meinung, dass das nicht zusammengehört: "Meine berufliche Karriere hat nichts mit der Partei zu tun.“ Wir wollten also demokratische Strukturen aufbauen. Es war damals nicht geplant, dass ich das länger mache. Ich bin einfach mit einigen anderen in diese Rolle hinein gekommen und wir sagten: „Wir wollen das jetzt gestalten, diesen demokratischen Umbruch im Betrieb.“

Gewerkschaftliche Schnellschulungen gleich zu Beginn

Wir hatten das Glück, dass wir von Anfang an sehr gute Kontakte zur IG Chemie Papier Keramik hatten. Wir waren einer der ersten Betriebe, die von der Treuhand verkauft worden sind, möglicherweise sogar der erste. Schon Anfang 1990 hatten wir Besuch vom damaligen Verwaltungsstellenleiter der IG Chemie Papier Keramik aus Osnabrück, Peter Grimmellikhuizen, von Gewerkschaftssekretärin Erika Lenz und dem damaligen Betriebsratsvorsitzenden der Felix Schoeller Gruppe, die unseren Betrieb dann übernommen hat. Die drei haben uns in einer Schnellschulung die Grundlagen der Mitbestimmung nach Weststandard beigebracht. Das war für uns ein Riesenvorteil, um schnell mit den rechtlichen Rahmenbedingungen und zukünftigen Strukturen klar zu kommen.

Alles war neu - es gab keine Zeit zum Nachdenken. Tagtäglich kam Neues auf uns zu und wir haben einfach versucht, dabei nicht unterzugehen. Wir waren ja völlig unvorbereitet, hatten keine Erfahrungen, keinen rechtlichen Hintergrund. Gott sei dank ging es auch unserem Gegenüber auf der Arbeitgeberseite so. Es war wahnsinnig viel Bewegung da, eine Situation, auf die niemand vorbereitet sein konnte. Wenn ich heute an den Mauerfall und die Wende im Betrieb denke, lag darin vielleicht auch das Gute: dass man darauf einfach nicht vorbereitet sein konnte. Wir haben einfach geguckt: Was kommt heute auf uns zu? Wir haben von einem Tag zum anderen versucht, die Dinge abzuarbeiten. Es war wichtig, sich schnell mit den neuen Sachen zu befassen, die Gesetzbücher zu wälzen. Das war die Abendaufgabe nach der Arbeit im Betrieb: sich fit machen, sich rechtlich schlau machen, um in den ersten Tagen, Wochen und Jahren nicht unterzugehen und relativ rechtssicher die ersten Vereinbarungen, Interessenausgleich und Sozialplan, zu verhandeln. Es war eine schlaflose Zeit.

Erster Betriebsrat nach eigenem Verfahren

Den ersten Betriebsrat haben wir im Mai 1990 nach eigenem Verfahren gewählt. Rechtlich war das eigentlich noch gar nicht möglich. Aber wir wollten schnell die alten Führungsstrukturen der SED hinter uns lassen und echte Mitbestimmung für die Mitarbeiter installieren. Alles andere stand unter dem Verdacht, dass die Partei entscheidet. Meine Aufgabe war eigentlich nur, die Wahl vorzubereiten. Ich war Anfang 1990 kommissarisch als Gewerkschaftsvorsitzender eingesetzt, nachdem die alte Führung gehen musste. Die Handwerker hatten sich an mich erinnert, weil ich mich noch zu DDR-Zeiten während meiner Meisterausbildung mit der Gewerkschaftsführung in Berlin angelegt hatte. Es ging um bezahlte Pausen und mehr Urlaub für ihre Schichten. Das hatte man sich gemerkt, und so wurde ich gebeten, die Gewerkschaftsvertretung im Betrieb kommissarisch zu übernehmen.

Ich bin dann als erster Betriebsratsvorsitzender von den 1100 Kolleginnen und Kollegen direkt gewählt worden, nachdem ich mich fünf Minuten vor Meldeschluss noch auf die Kandidatenliste gesetzt hatte. Wir hatten uns unsere eigene Wahlordnung gestrickt, bei der jeder Bereich sein Betriebsratsmitglied wählte. So waren alle Bereiche vertreten und das war in dieser ersten Zeit unwahrscheinlich wichtig. Wir mussten dann aber 1991 nach der Wiedervereinigung nochmal neu nach dem Betriebsverfassungsgesetz wählen, ansonsten hätten wir keinen rechtswirksamen Betriebsrat gehabt.

Belastend: Betriebsräte mussten personellen Aderlass begleiten

Leider mussten wir dann schnell über Personal verhandeln. Denn im Zusammenhang mit der Übernahme war klar, dass die Abteilungen unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten so nicht weitergeführt werden konnten. Wir hatten einen ersten großen Aderlass beim Personal bereits im Herbst 1990 von 1100 auf 550 Mitarbeiter!

Das alles war etwas völlig Neues. Kündigung war ja für DDR-Bürger etwas, was es nicht gab. Einmal in der Firma - immer in der Firma, bis zum Rentenalter und auch weiter. Sogar goldene Löffel klauen war keine Garantie dafür, entlassen zu werden. In den ersten Wochen und Monaten nach dem Mauerfall hatten viele Leute deshalb auch erstmal wenig Ängste, sondern vor allem Hoffnungen, dass jetzt alles besser wird, dass wir besseres Geld bekommen, und so weiter. Wir hatten ja nur die guten Seiten im Blick. Die Schattenseiten, den harten Wettbewerb, in dem das vermeintlich bessere Geld erarbeitet werden musste, den haben viele erst einmal gar nicht gesehen. Das böse Erwachen kam mit dem Arbeitsplatzabbau. Da wurde plötzlich von den Arbeitgebern entschieden: "Wir brauchen Dich nicht mehr.“

In dieser Situation war wichtig, dass wir einen Betriebsrat hatten, sonst hätte es keine Sozialpläne und Abfindungen gegeben. Bei uns in Weißenborn musste dieser erste Arbeitsplatzabbau noch vor der Übernahme durch die Felix Schoeller Gruppe. Der Vertrag mit der Treuhand ist am 10.Dezember 1990 unterschrieben worden, die Übernahme durch Schoeller erfolgte dann rückwirkend zum 1. Juli 1990.

Das war mit der Treuhand so vereinbart. Wir Betriebsräte versuchten, auf eine einigermaßen vernünftige Auswahl zu achten, wobei das bei 50 Prozent Personalabbau schwierig und in diesem ersten Schritt nicht in allen Fällen möglich war. Wir mussten ja auch sicherstellen, dass die verbleibende Belegschaft anschließend auch die Maschinen fahren kann. Im letzten Verhandlungsmarathon vor der Übernahme haben wir Betriebsräte 36 Stunden lang an einem Stück verhandelt. Sowas sind natürlich Erfahrungen, die mich in meiner weiteren Betriebsratsarbeit geprägt haben.

Wir haben danach noch zwei Sozialpläne machen müssen. 1991 mussten wir einen Abbau auf 310 Mitarbeiter verhandeln und 1993 dann, nach dem kompletten Zusammenbruch des Ostmarktes, einen dritten Abbau. Unser Betrieb produzierte die hochwertigen Papiere und Fotopapiere für die DDR und den gesamten Ostblock. Schoeller hatte uns gekauft, um mit uns den Ostmarkt zu bedienen. Doch die Wende machte nicht bei der DDR Halt: 1993 brach unser kompletter Abnehmermarkt weg.

Überlebenskampf für das Werk Weißenborn

Damit begann unser Überlebenskampf. Für den Osten hatten wir einen ausreichenden Qualitätsstandard – aber nicht für den Westmarkt. Der dritte Sozialplan war mit einem geplanten Abbau auf nur noch 185 verbleibende  Mitarbeiter verbunden und wurde Gott sei Dank niemals vollständig umgesetzt. Wir sind immer bei mindestens 215 bis 220 Arbeitskräften geblieben. Eine Weile haben wir uns über Wasser gehalten – und dann gab es die Entscheidung der Felix Schoeller Gruppe aus Osnabrück: Wir bauen Weißenborn auf Qualitätsniveau West um. Ein mühsamer Weg folgte. Es dauerte, bis wir uns auf den Westmarkt ausgerichtet und dort etabliert hatten. Denn lange noch war die Herkunft des Papiers entscheidender als die Qualität. Es gab Misstrauen gegenüber Ostprodukten. Das war im eigenen Unternehmen so, das war erst recht bei Kunden so. Und gegen diese Mauer mussten wir lange anlaufen.

Wir haben es geschafft - und haben damit überlebt. Heute gehen die großen Namen der Fotopapierindustrie bei uns in Weißenborn ein und aus. Gegen Ende der 90er Jahre gab es die ersten Entscheidungen, den Standort weiter auszubauen. Eine neue Streichmaschine und ein neuer Extruder wurden in Betrieb genommen und die Unternehmensleitung entschied, dass die Konfektionierung am Standort Weißenborn blieb. 2006 kamen eine weitere Streichmaschine und ein weiterer Extruder dazu. 2007 haben wir mit einem Standort-Tarifvertrag sogar die Entscheidung hinbekommen, dass die Konfektionierung weiter ausgebaut wird. Zuvor bereits hatten wir mit dem Unternehmen vereinbart, dass wir nach West-Tarifvertrag gezahlt haben - schon ab 2003 und damit lange bevor wir es im Flächentarifvertrag realisieren konnten. Die ganze Entwicklung ist also einhergegangen mit einer entsprechenden Motivation für die Kolleginnen und Kollegen. Das haben wir aber nicht geschenkt gekriegt, sondern intensiv mit dem Arbeitgeber verhandelt. Erfolgreich verhandelt!

Wichtig: Die enge Verbindung zur IG BCE

Wichtig für diese Erfolgsgeschichte war von Anfang an die enge Bindung zur IG Chemie Papier Keramik und später zur IG BCE. Das schlägt sich auch in unserem hohen Organisationsgrad von etwa 85 Prozent nieder. Die Erfahrungen der ersten Zeit haben das mit sich gebracht, ohne Gewerkschaft wären wir hilflos gewesen. Ich selbst bin jetzt seit 24 Jahren Betriebsratsvorsitzender in Weißenborn und seit 14 Jahren auch Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Felix Schoeller Gruppe – und damit einer der wenigen „Ossis“ in dieser Funktion in einem Unternehmen mit Mutterwerk im Westen.

Dabei sollte meine Entwicklung eigentlich ganz anders laufen. Kaum nach Beendigung der  Meisterschule etwas ganz anderes zu machen, daran hatte ich im Leben nicht gedacht. Ich habe es aber nie bereut. Da war zum einen der große Zuspruch der Kolleginnen und Kollegen. Und dann hatte ich mit der Zeit selbst auch immer stärker das Gefühl, dass mir die Mitarbeitervertretung und der sozialpartnerschaftliche Umgang mit dem Unternehmen liegen und ich am richtigen Platz bin. Am Anfang gab es natürlich auch ganz bittere Erfahrungen, wenn bei den Sozialplanverhandlungen Kollegen am Ende der Arbeitszeit an der Haustür klingelten und Dir erklärten, dass sie nicht entlassen werden dürften. Doch wenn ich so um mich schaue, dann ist hier in der Region ja auch ganz viel kaputt gegangen.

Manche Betriebe sind scheibchenweise nach unten gefahren und sind irgendwann ganz verschwunden. Unser Werk in Weißenborn ist krass nach unten gefahren, das hat richtig wehgetan und es war schwierig, überhaupt noch arbeiten zu können. Aber es hat ein Stück weit auch die Voraussetzung dafür geschaffen, dass wir die Kurve gekriegt haben. Im Nachhinein betrachtet sage ich: Die richtigen Weichen zum richtigen Zeitpunkt in sozialpartnerschaftlicher Arbeit stellen, damit der Aufbau möglich wird – das haben wir Betriebsräte gemeinsam mit der IG BCE geschafft.

Heute ist unser Betrieb ein weltweit einzigartiger, vollintegrierter Standort für die Produktion von Inkjet-, Foto- und Spezialpapieren. Im Foto- und digitalen Papiermarkt ist der Standort Weißenborn ein ganz wesentlicher Betrieb, der alle großen Namen dieser Branche beliefert. Wir haben wieder über 800 Beschäftigte – und stellen, speziell in der Konfektionierung, noch ein."

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